Ist es schon Mobbing – oder "nur" ein Konflikt?

Ist es schon Mobbing

Nach unserem Webinar mit der Expertin Christelle Schläpfer wurde eines deutlich: Die Unsicherheit im Umgang mit Ausgrenzung, Streit und Mobbing ist gross – bei Eltern wie bei Fachkräften.
Vier Fragen tauchten dabei besonders häufig auf. Hier sind die Antworten der Expertin:
 

1. Woran erkenne ich den Unterschied zwischen Konflikt und Mobbing?

Konflikte gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen dazu. Bei einem Konflikt geht es um eine Sache: Wer hat recht, wer war zuerst, wer hat mehr? Er ist sachzentriert, meist punktuell, findet auf Augenhöhe statt und ist zeitlich begrenzt. Solche Konflikte dürfen und sollen Kinder möglichst selbst lösen – Konfliktfähigkeit ist eine zentrale Lebenskompetenz, die man mit Kindern und Jugendlichen üben muss.

Mobbing ist etwas grundlegend anderes. Es ist von Anfang an personenzentriert: Es geht nicht um eine Sache, sondern um die Person – um Beschimpfung, Beschämung, Ausgrenzung. Und entgegen einer verbreiteten Annahme entsteht Mobbing nur selten aus einem Konflikt. Mobbing zielt von Beginn an auf Abwertung, Ausgrenzung oder Verletzung einer Person.

Von Mobbing sprechen wir, wenn drei Merkmale zusammenkommen:

  • Es wiederholt sich.
  • Es besteht ein Machtungleichgewicht.
  • Es ist zielgerichtet auf eine bestimmte Person.

Und die Mikro-Aggressionen? Das sind die kleinen, wiederkehrenden Sticheleien, abwertenden Bemerkungen oder das Augenrollen. Schon im Kleinen ist das Wiederholungsmuster erkennbar. Genau hier sollten wir früh hinschauen und eingreifen – damit aus den vermeintlich «kleinen» Gemeinheiten gar nicht erst Mobbing wird.
 

2. Was hilft betroffenen Kindern im ersten Schritt – und was sollten Erwachsene besser lassen?

Der wichtigste erste Schritt: Betroffene Kinder sollen sich Hilfe holen. Zugleich müssen wir verstehen, warum viele genau das nicht tun. Die Befürchtung, dass durch Einmischung alles noch schlimmer wird, kommt nicht von ungefähr – denn es gibt tatsächlich Reaktionen, welche die Lage verschärfen. Diese Don'ts gilt es zu kennen:

  • Nicht konfrontativ vorgehen. Opfer und «Täter/-in» einander gegenüberzustellen, als ginge es um einen Konflikt – fast mediativ – funktioniert bei Mobbing nicht. Mobbing ist kein Konflikt, sondern folgt einer völlig anderen Dynamik. Für die betroffene Person ist das äusserst unangenehm: Sie steht im Fokus und riskiert Racheaktionen.
  • Nicht auf Strafen setzen. Strafen machen nicht einsichtig – und können zudem Racheaktionen gegen das Opfer auslösen.
  • Den Klassenrat nicht unbedacht einsetzen. Das Thema dort zu besprechen, kann höchst problematisch sein, wenn das Mobbing bereits fortgeschritten ist.
  • Eltern: nicht unter den Familien selbst lösen wollen. Versuchen Eltern, das direkt untereinander zu regeln, entsteht schnell eine Dynamik zwischen den Familien, die die Schule nicht mehr kontrollieren kann – und die Situation auf Klassenebene verschärft sich.

Die Lösung liegt in der Schule, in der Arbeit mit der Gruppe – nicht in der direkten Konfrontation zwischen einzelnen Kindern.
 

3. Wie kann Schule bei (auch klassenübergreifendem) Mobbing gut intervenieren?

Dafür gibt es kein 08/15-Rezept – denn jeder Mobbing-Fall ist einzigartig. Bei jedem einzelnen Fall müssen alle Ebenen und Einflussfaktoren berücksichtigt werden, um daraus die passenden, individualisierten Massnahmen abzuleiten. Genau deshalb braucht es Schulung: Fachpersonen müssen lernen, einen Fall in seiner ganzen Komplexität zu erfassen, bevor sie handeln. Bewährte Ansätze wie der No Blame Approach oder die Arbeit mit Metaphern können dabei wertvolle Werkzeuge sein – aber immer fallbezogen und nie als Schema F.
 

4. Wie lässt sich einer «rauen» Klassenkultur vorbeugen?

Zwei Hebel sind zentral.

Erstens die Klassenführung. Die Forschung zeigt, dass Mobbing je nach Führungsstil unterschiedlich häufig auftritt – sowohl ein sehr autoritärer als auch ein sehr anti-autoritärer, beliebiger Stil begünstigen es. Eine klare, wertschätzende und zugleich strukturierte Führung wirkt schützend.

Zweitens die Prävention. Gerade in Klassen mit erhöhtem Risiko lohnt es sich, gezielt an den sozial-emotionalen Kompetenzen zu arbeiten (Social Emotional Learning) und so eine tragfähige Klassengemeinschaft aufzubauen. Denn Mobbing entsteht vor allem dort, wo der Nährboden dafür gegeben ist. Wer diesen Nährboden austrocknet, beugt am wirksamsten vor.

Konkret heisst Prävention:

  • eine klare Haltung der Schule,
  • konsequentes Reagieren der Lehrpersonen,
  • Stärkung der Klassengemeinschaft,
  • Erkennen der frühen Warnsignale,
  • das Nicht-Tolerieren von subtilen Gemeinheiten.

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Dieser Beitrag ist in Kooperation mit Christelle Schläpfer / edufamily.ch entstanden